Rudolf Borchardt: Der Krieg und die deutsche Selbsteinkehr
[in: Rudolf Borchardt, Gesammelte Werke in Einzelbänden. Hg. von Marie Luise Borchardt u.a. Stuttgart 1955-1990 - Prosa V]

Vor dem Krieg lebte der Lyriker, Übersetzer, Philologe, Essayist und Rhetor Borchardt zurückgezogen in Italien. Von seiner vermögenden Familie finanziert, hatte er sich vor den geistigen Plattheiten des Kaiserreiches in ein selbstgewähltes Exil begeben, das erst vom Beginn des ersten Weltkrieges beendet wurde. Was Borchardt sich vom Krieg erwartete - bzw. erhoffte - wird in seiner im Dezember 1914 in Heidelberg gehaltenen Rede ,Der Krieg und die deutsche Selbsteinkehr" erkennbar.

Von Anfang an distanziert Borchardt sich von einer einseitigen affirmativen Kriegsrhetorik; statt dessen verwendet er den Krieg als Folie für seine Kulturkritik des wilhelminischen Deutschlands. Er definiert den zu erwartenden Kriegssieg als eine Frage der kulturellen Überlegenheit, wobei das eine die Bedingung des anderen ist: Deutschland muss siegen, da es kulturell überlegen ist, zugleich aber muss Deutschland sich um kulturelle Überlegenheit bemühen, um siegen zu können der Krieg wird zu einem geistigen Zwei-Fronten-Krieg nach innen und außen.

Annexionen hält Borchardt für ,eitel und oberflächlich", ihm geht es um die Frage, was Deutschland Europa zu geben imstande ist. Damit stellt er sich weit ins gesellschaftliche Abseits der chauvinistischen, neureichen wilhelminischen Gesellschaft (was allerdings im Publikum unerkannt blieb, die Rede war ein Erfolg). Eine gewisse Schizophrenie zieht sich dementsprechend durch die gesamte Rede, denn zum einen ist sie als Propaganda konzipiert und auch als solche aufgefasst worden, doch der eigentliche Gegner Borchardts sitzt dort, wo er selbst ihn weder haben will noch benennen kann: Im militärisch-industriellen Komplex des Kaiserreiches.

In seiner Vision der künftigen, auf den Sieg folgenden Aufgabe Deutschlands in Europa entwirft Borchardt das Bild einer kulturellen Drehscheibe, eines Rialto, durch das das kulturelle Europa wie im Altertum die italischen Völker durch Rom geeint bzw. verbunden wird:

,Wir sind im Begriffe, wie Rom zwischen den Punierkriegen und der virtuellen Einbeziehung Ägyptens, die Verantwortung für ein aus verschiedenen Staaten gebildetes, politisch ablebendes, im ganzen einheitliches Kulturgebiet zu übernehmen, und wir treten in die Lösung dieser Aufgabe so wenig mutwillig ein wie Rom, sondern in der gleichen Form wie Rom, in der Form des Verzweiflungskampfes um unsere Existenz gegen koalierte und, materiell summiert, überlegene Staaten."

Mit der Moderne seiner Zeit hat Borchardt nichts zu tun. Er beschwört einen alteuropäischen Purismus und die kulturellen Leistungen der Epoche vor und nach 1800 herauf; sowohl von Sprache als auch Inhalt ist der Text in strengstem Sinne konservativ, ein Umstand, der nicht zuletzt zu der oben genannten Schizophrenie führt: Versucht er doch einen Krieg positiv zu besprechen, der bereits in seiner imperialistischen Grundstruktur konträr zu einem konservativen Kulturentwurf läuft.

Andreas D. Hesse